"Meine Bilder wollen nicht betrachtet - sie wollen betreten werden..."

Paul Olivier ist ein zeitgenössischer Maler mit einer eigenständigen visuellen Sprache, die souverän zwischen expressiver Abstraktion und Figuration oszilliert. Er lebt und arbeitet in Berlin. 

 

Seine radikal vielschichtige und teilweise sensibel freigelegte Oberfläche ist zu einem visuellen Markenzeichen seiner Malerei geworden. Jede Arbeit entsteht in einem komplexen Prozess aus über 30 Schichten Acryl sowie vereinzelt Spachtelmasse. Farbe wird aufgetragen, wieder zerstört, zerkratzt, verwischt und neu verhandelt. Jede Schicht fügt eine weitere Ebene von Bedeutung oder Interpretation hinzu - so entstehen Werke von enormer Tiefe und Sogkraft. 

 

 

"Ich benutze Farbe nicht - ich verhandle mit ihr..."

 

 

Was zunächst abstrakt erscheint, beginnt sich beim längeren Hinsehen zu öffnen: Figuren tauchen auf, Räume entstehen, emotionale Landschaften formen sich - nur um sich im nächsten Moment wieder aufzulösen.

 

Gegensätze verschmelzen zu einer kraftvollen Einheit. Diese permanente Verschiebung der Wahrnehmung zieht den Betrachter unweigerlich hinein und fordert heraus, sich mit Identität, Erinnerung und Veränderung auseinanderzusetzen. Ein Wechselspiel emotionaler Perspektiven. Seine Werke begleiten - sie erschließen sich nicht auf einen Blick, sondern wachsen mit der Zeit.

 

Es entsteht eine emotionale Wucht, die an jenes seltene Glück erinnert, das genau dort entsteht, wo Schönheit und Freude auf Angst und Schmerz treffen. In dieser kompromisslosen Emotionalität wird Abstraktion zur Notwendigkeit. Nähe wird zur Haltung - Nähe zum Material, zum Prozess, zum eigenen Denken. Nichts ist endgültig. 

 

 

"Wo meine Sprache an ihre Grenze kommt - beginnt die Farbe zu sprechen..."

 

 

Bevor Oli zur Malerei fand, schrieb er Gedichte. Sprache war sein erstes Material. Rhythmus, Verdichtung, Pausen und Brüche - all das, was seine Texte formte, lebt heute in der Farbe weiter. 

 

Jede Arbeit beginnt vor der Leinwand - im Resonanzraum eines Gedankens oder eines Verses. Malerei und Sprache entspringen derselben inneren Bewegung. Die Bilder sind keine Illustration von Text, sondern dessen Transformation in Materie. Was als Wort beginnt, setzt sich als Farbe fort. 

 

 

"Meine Bilder entstehen nicht aus Visionen - sondern aus Sprache..."

 

 

Diese poetische Herkunft prägt seine Arbeit bis heute: in Andeutungen statt Aussagen, in Überlagerungen statt Klarheit, im Dazwischen statt im Eindeutigen. Seine Werke funktionieren wie seine Gedichte - sie erklären nicht, sie verdichten. Sie lassen Raum. Sie entstehen im Betrachten weiter. 

 

Oli erforscht den Dualismus von Ursache und Wirkung. Thematisch bewegt er sich bewusst in den Polaritäten des Lebens: Freude und Trauer, Nähe und Distanz, Angst und Glück. Diese Gegensätze versteht er nicht als Widersprüche, sondern als Wesenskern menschlicher Existenz. Seine Werke geben keine Antworten vor. Sie sind offen, atmend, einladend - Räume, in denen Betrachtende ihre eigenen Bedeutungen, Erinnerungen und Emotionen entdecken. 

 

Oli arbeitet geplant und zugleich intuitiv. Er setzt Impulse - und lässt dann los. Die Bilder entstehen nicht nur aus ihm heraus, sie führen ihn auch. Das Ergebnis sind kraftvolle, emotional aufgeladene Arbeiten, die sich jeder schnellen Einordnung entziehen und gerade deshalb nachhaltig wirken. Die Begegnung mit seinen Werken fordert zum Innehalten auf und öffnet einen Raum, in dem Bedeutung subtil entsteht - entlang der inneren Landschaft jedes Betrachtenden. 

 

 

"Meine Malerei beginnt dort, wo Kontrolle endet und Wahrnehmung lebendig wird..."

 

 

Oli geht es um Wiedererkennbarkeit - jedoch nicht um Wiederholung. Es geht darum, dass eine Handschrift entsteht, weil sie entstehen muss. Diese Handschrift ist nicht erlernt, sie ist erarbeitet. Und sie ist nie abgeschlossen. Sie entsteht aus innerer Notwendigkeit. 

 

Schönheit erscheint nicht als Oberfläche, sondern als Erfahrung - roh, ehrlich, gegenwärtig. Seine großformatigen Arbeiten verändern Räume atmosphärisch. 

 

 

"Meine Bilder entstehen nicht aus Ideen - sondern aus Entscheidungen..."

 

 

Ergänzend zu seinen großformatigen Arbeiten zwischen 150 cm bis 300 cm entstand die Serienstruktur "The Weeklys". Kleinere Werke von 50 x 40 cm, die genau dann entstehen, wenn der kreative Prozess an der großen Leinwand ins Stocken gerät. Aus Unsicherheit wird Bewegung. Aus Zweifel Bild. Sie sind kein Nebenprodukt, sondern eine eigenständige Erweiterung seines künstlerischen Systems. 

 

Paul Olivier (*1972), von allen schlicht Oli genannt, wirkte zunächst in Welten jenseits der Kunst: als Hotelier, Filmproduzent und Marketingberater. Doch die Sehnsucht nach einem sinnstiftenden Ausdruck blieb. Mit 50 traf er die radikale Entscheidung, seine zweite Lebenshälfte der Malerei zu widmen. Diese Dringlichkeit ist spürbar: Hier malt niemand aus Laune, sondern aus einem Moment, in dem Ausweichen keine Option mehr war. 

 

Oli ist kein "später Anfänger". Er ist ein Künstler, der zur richtigen Zeit ankommt - mit einer Klarheit, Tiefe und Konsequenz, die nicht erlernbar sind. Seine Werke laden dazu ein, innezuhalten, genauer hinzusehen und die Ambivalenzen des Lebens nicht nur auszuhalten, sondern als etwas Wertvolles zu begreifen. Sein später, radikaler Schritt in die Kunst verleiht seiner Arbeit eine existenzielle Dringlichkeit.

 

 

Michael Thiede, Paul Oliviers erster Galerist im Gespräch mit Oli über seine Reise zwischen Transformation und Abstraktion:

Michael Thiede:

Oli, ich erinnere mich noch gut an unsere ersten Gespräche. Mich hat sofort interessiert, wie früh deine Beziehung zur Kunst begonnen hat. Wenn du zurückblickst: Wo liegen deine künstlerischen Wurzeln?

 

 

Paul Olivier:

Zur Malerei bin ich nicht über den klassischen Weg gekommen. Jahre lang war Sprache mein Medium – ich habe Gedichte geschrieben, bis Worte nicht mehr ausreichten. Malerei wurde notwendig: direkt, körperlich, kompromisslos.

 

 

Michael Thiede:

Und dennoch bist du diesen Weg lange nicht konsequent gegangen. 

 

 

Paul Olivier:

Die Malerei war immer da, aber sie war kein Lebensweg. Ich habe Jobs gemacht, studiert, mich angepasst – alles, was ein „vernünftiges“ Leben versprach. Aber die innere Spannung blieb, und irgendwann musste ich ihr folgen.

 

 

Michael Thiede:

In deiner Jugend verlagerte sich dieser kreative Drang zunächst in einen anderen Bereich: die Mode.

 

 

Paul Olivier:

Mode war faszinierend, weil sie Identität transformiert. Sie zeigte mir früh, wie äußere Form und inneres Empfinden zusammenhängen. Dieses Spiel mit Wahrnehmung, Veränderung und Selbstbild zieht sich bis heute durch meine Malerei.  

 

 

Michael Thiede:

Dennoch folgte dann ein sehr klassischer beruflicher Weg. 

 

 

Paul Olivier: 

Ja. Ich war Hotelkaufmann, später Start-Up-Filmproduzent, dann Werbe- und Marketingberater. Kreativ, aber fremdbestimmt.

 

Die Kunst hatte keinen Raum, bis ich erkannte, dass ich ihr den Vorrang geben musste.  

 

 

Michael Thiede: 

Diese innere Spannung scheint ein zentrales Motiv deiner Arbeit zu sein. 

 

 

Paul Olivier:

Absolut. Polaritäten begleiten mich: Freiheit vs. Anpassung, Licht vs. Schatten, Kontrolle vs. Loslassen. Lange habe ich versucht, sie auszuhalten. Heute trete ich ihnen an der Leinwand entgegen und lasse sie existieren.

 

 

Michael Thiede:

Der Wendepunkt kam an deinem 50. Geburtstag.

 

 

Paul Olivier:

Ja. Ich entschied an diesem Abend, meine zweite Lebenshälfte der Malerei zu widmen. Relativ impulsiv, aber aus der Erkenntnis, dass es der einzige Weg ist, mir selbst treu zu bleiben. Alles andere wäre Vermeidung gewesen.

 

 

Michael Thiede: 

Deine Bilder bewegen sich zwischen Figuration und Abstraktion. Wie findest du diese Balance?

 

 

Paul Olivier: 

Ich plane subliminar. Figuratives gibt Halt, Abstraktion öffnet Räume. Es geht nicht um eindeutige Antworten, sondern um Ambivalenz. Der Dialog zwischen inneren und äußeren Kriterien und Optionen. Das Leben ist nicht eindeutig – warum sollte meine Kunst es sein?

 

 

Michael Thiede:

Ein zentrales Thema deiner Arbeiten ist die Bipolarität des Lebens.

 

 

Paul Olivier:

Ich verstehe sie existenziell, nicht klinisch. Gegensätze wie Freude und Trauer, Nähe und Distanz, Angst und Glück gehören zusammen. Sie machen uns menschlich. In meinen Bildern existieren sie parallel, ohne dass ich sie auflöse.

 

 

Michael Thiede: 

Was wünscht du dir für die Betrachter deiner Werke?

 

 

Paul Olivier:

Sie sollen innehalten und etwas Eigenes darin finden. Die Arbeiten sind Räume für Wahrnehmung, Identität und Veränderung. Wer stehenbleibt, erlebt die Wirkung. Ich möchte erinnern: das Leben ist schön – trotz allem.

 

 

Michael Thiede:

Deine Werke erschließen sich oft erst mit der Zeit. 

 

 

Paul Olivier:

Ja. Ich mag Arbeiten, die sich verändern, je länger man sie betrachtet – so wie wir Menschen uns verändern. Schönheit ist lebendig, nicht glatt oder perfekt. 

 

 

 

Michael Thiede:

Wenn man deinen Weg betrachtet - vom Kaufmann über den Produzenten und Berater zum Maler - ist es auch eine Geschichte des Mutes. 

 

 

Paul Olivier:

Vielleicht. Vor allem ist es eine Geschichte des Zuhörens. Irgendwann habe ich aufgehört, nur den Erwartungen anderer zu folgen, und begonnen, mir selbst zuzuhören. Die Malerei ist für mich nicht nur Ausdruck, sondern auch Heilung.

 

 

Michael Thiede:

Vielen Dank für das Gespräch Oli.

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©️ Paul Olivier - Ein Künstler, der seine innere Sprache in Bilder übersetzt...