Interview mit Paul Oliviers erstem Galeristen (2025) - über seine Reise zwischen Transformation, Abstraktion und künstlerischer Selbstverortung.
Galerie:
Oli, ich erinnere mich noch gut an unsere ersten Gespräche. Mich hat sofort interessiert, wie früh deine Beziehung zur Kunst begonnen hat. Wenn du zurückblickst: Wo liegen deine künstlerischen Wurzeln?
Paul Olivier:
Zur Malerei bin ich nicht über den klassischen Weg gekommen. Jahrelang war Sprache mein Medium – ich habe Gedichte geschrieben, bis Worte nicht mehr ausreichten. Malerei wurde notwendig: direkt, körperlich, kompromisslos.
Galerie:
Und dennoch bist du diesen Weg lange nicht konsequent gegangen.
Paul Olivier:
Die Malerei war immer da, aber sie war kein Lebensweg. Ich habe Jobs gemacht, studiert, mich angepasst – alles, was ein „vernünftiges“ Leben versprach. Aber die innere Spannung blieb, und irgendwann musste ich ihr folgen.
Galerie:
In deiner Jugend verlagerte sich dieser kreative Drang zunächst in einen anderen Bereich: die Mode.
Paul Olivier:
Mode war faszinierend, weil sie Identität transformiert. Sie zeigte mir früh, wie eng äußere Form und inneres Empfinden zusammenhängen. Dieses Spiel mit Wahrnehmung, Veränderung und Selbstbild zieht sich bis heute durch meine Malerei.
Galerie:
Dennoch folgte dann ein sehr klassischer beruflicher Weg.
Paul Olivier:
Ich habe Hotelkaufmann gelernt, später war ich Start-Up-Filmproduzent, dann Werbe- und Marketingberater. Kreativ, aber fremdbestimmt.
Die Kunst hatte keinen Raum, bis ich erkannte, dass ich ihr den Vorrang geben muss.
Galerie:
Diese innere Spannung scheint ein zentrales Motiv deiner Arbeit zu sein.
Paul Olivier:
Polaritäten begleiten mich: Freiheit vs. Anpassung, Licht vs. Schatten, Kontrolle vs. Loslassen. Lange habe ich versucht, sie auszuhalten. Heute trete ich ihnen an der Leinwand entgegen und lasse sie gleichzeitig existieren.
Galerie:
Der Wendepunkt kam an deinem 50. Geburtstag.
Paul Olivier:
Ja. Ich entschied an diesem Abend, meine zweite Lebenshälfte der Malerei zu widmen. Relativ impulsiv und radikal, aber aus der Erkenntnis, dass es der einzige Weg ist, mir selbst treu zu bleiben. Alles andere wäre nur weitere Vermeidung gewesen.
Galerie:
Deine Bilder bewegen sich zwischen Figuration und Abstraktion. Wie findest du diese Balance?
Paul Olivier:
Ich arbeite intuitiv, aber mit einem klaren inneren System. Figuratives gibt Halt, Abstraktion öffnet Räume. Mich interessiert nicht die eindeutige Aussage, sondern die Ambivalenz. Es ist ein Dialog zwischen innerer Wahrnehmung und äußerer Form. Das Leben ist nicht eindeutig – warum sollte meine Kunst es sein?
Galerie:
Ein zentrales Thema deiner Arbeiten ist die Bipolarität des Lebens.
Paul Olivier:
Ich verstehe sie existenziell, nicht klinisch. Gegensätze wie Freude und Trauer, Nähe und Distanz, Angst und Glück gehören zusammen. Sie machen uns menschlich. Mich interessiert der Raum dazwischen - dort, wo Wunsch und Realität gleichzeitig existieren. In meinen Bildern entstehen sie parallel und verschränken sich, ohne dass ich sie auflöse.
Galerie:
Was wünscht du dir für die Betrachter deiner Werke?
Paul Olivier:
Dass sie innehalten und etwas Eigenes darin finden. Meine Arbeiten sind offene Räume für Wahrnehmung, Identität und Veränderung. Wer stehenbleibt, erlebt, wie sich etwas verschiebt. Ich möchte daran erinnern, dass das Leben schön ist – trotz allem.
Galerie:
Deine Werke erschließen sich oft erst mit der Zeit.
Paul Olivier:
Ich mag Arbeiten, die sich verändern, je länger man sie betrachtet – so wie wir Menschen uns verändern. Schönheit ist für mich nichts Starres, sondern etwas Lebendiges.
Galerie:
Wenn man deinen Weg betrachtet - vom Kaufmann über den Produzenten und Berater zum Maler - ist es auch eine Geschichte des Mutes.
Paul Olivier:
Vielleicht. Vor allem ist es eine Geschichte des Zuhörens. Irgendwann habe ich aufgehört, nur den Erwartungen anderer zu folgen - und begonnen, mir selbst zuzuhören.
Galerie:
Vielen Dank für das Gespräch, Oli.