Paul Olivier (*1972), genannt Oli, ist ein zeitgenössischer Maler mit einer bemerkenswerten visuellen Sprache, die souverän zwischen Abstraktion und Figuration oszilliert.
Seine großformatigen Arbeiten leuchten - im wahrsten Sinne des Wortes. Helle, vibrierende Farben treffen auf tiefe Schatten, auf Brüche, Risse und Überlagerungen. Daraus entsteht eine emotionale Wucht, die an jenes seltene Glück erinnert, das genau dort entsteht, wo Schönheit und Freude auf Angst und Schmerz treffen. Seine Bilder sind keine Dekoration - sie sind Erfahrung.
Was Olis Werk so außergewöhnlich macht, ist seine radikale Vielschichtigkeit. Jede Arbeit entsteht in einem komplexen Prozess von bis zu über 30 Farbschichten. Farbe wird aufgetragen, wieder zerstört, zerkratzt, verwischt und neu verhandelt. Nichts ist endgültig. Was zunächst abstrakt erscheint, beginnt sich bei längerem Hinsehen zu öffnen: Figuren tauchen auf, Räume entstehen, emotionale Landschaften formen sich. Nur um sich im nächsten Moment wieder aufzulösen. Diese permanente Verschiebung der Wahrnehmung zieht den Betrachter unweigerlich hinein und fordert ihn heraus, sich mit Identität, Erinnerung und Veränderung auseinanderzusetzen.
Olis Malerei ist ein hochspannender Dialog zwischen Kontrolle und Zufall. Sein Weg zur Kunst ist dabei alles andere als beliebig: Hunderte Gedichte gingen der Malerei voraus. Die Sprache führte ihn zur Farbe. Aus dem Wunsch heraus, direkter, körperlicher, unmittelbarer zu arbeiten. Diese poetische Herkunft ist bis heute spürbar. Seine Bilder denken nicht linear, sie fühlen. Sie sprechen in Andeutungen, Pausen und Überlagerungen.
Thematisch bewegt sich Oli bewusst in den Polaritäten des Lebens: Freude und Trauer, Nähe und Distanz, Angst und Glück. Er versteht diese Gegensätze nicht als Widersprüche, sondern als das eigentliche Material menschlicher Existenz. Seine Werke geben keine Antworten vor. Sie sind offen, atmend, einladend. Räume, in denen Betrachter ihre eigenen Bedeutungen, Erinnerungen und Emotionen entdecken können.
Oli arbeitet geplant und intuitiv zugleich. Er setzt Impulse - und lässt dann los. Die Bilder entstehen nicht nur aus ihm heraus, sie führen ihn auch. Das Ergebnis sind kraftvolle, emotional hoch aufgeladene Arbeiten, die sich jeder schnellen Einordnung entziehen und gerade deshalb nachhaltig wirken.
Paul Olivier ist kein "später Anfänger". Er ist ein Künstler, der zur richtigen Zeit ankommt. Mit einer Klarheit, Tiefe und Konsequenz, die man nicht lernen kann. Seine Werke laden dazu ein, innezuhalten, genauer hinzusehen und die Ambivalenzen des Lebens nicht nur auszuhalten, sondern als etwas Schönes zu begreifen.
Oder, um es mit seinen eigenen einfachen und vollkommen treffenden Statement zu sagen:
La vita è bella...
Michael Thiede, Paul Oliviers erster Galerist im Gespräch mit Oli über seine Reise zwischen Transformation und Abstraktion:
Michael Thiede:
Oli, ich erinnere mich noch gut an unsere ersten Gespräche. Mich hat sofort interessiert, wie früh deine Beziehung zur Kunst begonnen hat. Wenn du zurückblickst: Wo liegen deine künstlerischen Wurzeln?
Paul Olivier:
Zur Malerei bin ich nicht über den klassischen Weg gekommen. Jahre lang war Sprache mein Medium – ich habe Gedichte geschrieben, bis Worte nicht mehr ausreichten. Malerei wurde notwendig: direkt, körperlich, kompromisslos.
Michael Thiede:
Und dennoch bist du diesen Weg lange nicht konsequent gegangen.
Paul Olivier:
Die Malerei war immer da, aber sie war kein Lebensweg. Ich habe Jobs gemacht, studiert, mich angepasst – alles, was ein „vernünftiges“ Leben versprach. Aber die innere Spannung blieb, und irgendwann musste ich ihr folgen.
Michael Thiede:
In deiner Jugend verlagerte sich dieser kreative Drang zunächst in einen anderen Bereich: die Mode.
Paul Olivier:
Mode war faszinierend, weil sie Identität transformiert. Sie zeigte mir früh, wie äußere Form und inneres Empfinden zusammenhängen. Dieses Spiel mit Wahrnehmung, Veränderung und Selbstbild zieht sich bis heute durch meine Malerei.
Michael Thiede:
Dennoch folgte dann ein sehr klassischer beruflicher Weg.
Paul Olivier:
Ja. Ich war Hotelkaufmann, später Start-Up-Filmproduzent, dann Werbe- und Marketingberater. Kreativ, aber fremdbestimmt.
Die Kunst hatte keinen Raum, bis ich erkannte, dass ich ihr den Vorrang geben musste.
Michael Thiede:
Diese innere Spannung scheint ein zentrales Motiv deiner Arbeit zu sein.
Paul Olivier:
Absolut. Polaritäten begleiten mich: Freiheit vs. Anpassung, Licht vs. Schatten, Kontrolle vs. Loslassen. Lange habe ich versucht, sie auszuhalten. Heute trete ich ihnen an der Leinwand entgegen und lasse sie existieren.
Michael Thiede:
Der Wendepunkt kam an deinem 50. Geburtstag.
Paul Olivier:
Ja. Ich entschied an diesem Abend, meine zweite Lebenshälfte der Malerei zu widmen. Relativ impulsiv, aber aus der Erkenntnis, dass es der einzige Weg ist, mir selbst treu zu bleiben. Alles andere wäre Vermeidung gewesen.
Michael Thiede:
Deine Bilder bewegen sich zwischen Figuration und Abstraktion. Wie findest du diese Balance?
Paul Olivier:
Ich plane subliminar. Figuratives gibt Halt, Abstraktion öffnet Räume. Es geht nicht um eindeutige Antworten, sondern um Ambivalenz. Der Dialog zwischen inneren und äußeren Kriterien und Optionen. Das Leben ist nicht eindeutig – warum sollte meine Kunst es sein?
Michael Thiede:
Ein zentrales Thema deiner Arbeiten ist die Bipolarität des Lebens.
Paul Olivier:
Ich verstehe sie existenziell, nicht klinisch. Gegensätze wie Freude und Trauer, Nähe und Distanz, Angst und Glück gehören zusammen. Sie machen uns menschlich. In meinen Bildern existieren sie parallel, ohne dass ich sie auflöse.
Michael Thiede:
Was wünscht du dir für die Betrachter deiner Werke?
Paul Olivier:
Sie sollen innehalten und etwas Eigenes darin finden. Die Arbeiten sind Räume für Wahrnehmung, Identität und Veränderung. Wer stehenbleibt, erlebt die Wirkung. Ich möchte erinnern: das Leben ist schön – trotz allem.
Michael Thiede:
Deine Werke erschließen sich oft erst mit der Zeit.
Paul Olivier:
Ja. Ich mag Arbeiten, die sich verändern, je länger man sie betrachtet – so wie wir Menschen uns verändern. Schönheit ist lebendig, nicht glatt oder perfekt.
Michael Thiede:
Wenn man deinen Weg betrachtet - vom Kaufmann über den Produzenten und Berater zum Maler - ist es auch eine Geschichte des Mutes.
Paul Olivier:
Vielleicht. Vor allem ist es eine Geschichte des Zuhörens. Irgendwann habe ich aufgehört, nur den Erwartungen anderer zu folgen, und begonnen, mir selbst zuzuhören. Die Malerei ist für mich nicht nur Ausdruck, sondern auch Heilung.
Michael Thiede:
Vielen Dank für das Gespräch Oli.